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Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte Europa eine Zeit des politischen Aufbruchs. In Liechtenstein entstanden zwei politische Parteien, die Christlich-soziale Volkspartei und die Fortschrittliche Bürgerpartei. Das Volk konnte erstmals den Landtag direkt wählen. Dieser Wahlvorschlag der Volkspartei für das Oberland erschien in den «Oberrheinischen Nachrichten» vom 6. März 1918. Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte Europa eine Zeit des politischen Aufbruchs. Die wirtschaftliche Not führte in vielen Ländern zum Aufbegehren der Bevölkerung. Der Ruf nach Mitbestimmung war in unserem Lande unüberhörbar.

Bis 1918 gab es in Liechtenstein keine politischen Parteien. Doch schon bei den Landtagswahlen von 1914 war die Tendenz für eine künftige Parteienbildung spürbar. Auch endete in diesem Jahr das Nachrichtenmonopol des Volksblattes, da eine zweite Zeitung, die Oberrheinischen Nachrichten, gegründet wurde.

Öffentliche MeinungDie Oberrheinischen Nachrichten sollte als Sprachrohr liberalerer Meinungen dienen und auch andere Ansichten zur Geltung bringen. Das Volksblatt orientierte sich nämlich ganz an d er Politik der Regierung und beherrschte seit 1878 als einzige Zeitung im Lande die öffentliche Meinung.
In der Erstausgabe der Oberrheinischen Nachrichten konnte man lesen: «Im gegenseitigen Austausch der Ansichten bilden sich neue; einer besseren sachlichen Belehrung werden wir uns zu keiner Zeit verschliessen, wie wir uns umgekehrt nicht anmassen, das allein Richtige jeweils zu wissen. Darum Gruss dem Gegner!»
 
Entwicklung der ParteienDrei Jahre vor der neuen Verfassung wurde das direkte und geheime Wahlrecht eingeführt, das Fürst Johann II. aus Eigeninitiative dem Volk zugestand. Seither wählt das Volk seine Abgeordneten in den Landtag direkt. Das neue Wahlrecht und die Ausschreibung von Wahlen für den März 1918 ermöglichten und förderten die Entwicklung von Parteien, als deren Vorläufer man die beiden Zeitungen bezeichnen darf.
Die wirtschaftliche Not der Jahre vor und während des Ersten Weltkrieges, die ausländischen Landesverweser, die der Bevölkerung vorgesetzt wurden, und die Absenz des Landesfürsten trugen dazu bei, dass sogar da und dort auch der Ruf nach der Abschaffung der Monarchie laut wurde.
 
Willhelm Beck, Abgeordneter 1914 -1928 und 1932- 1935, Christlich-soziale Volkspartei. Christlich-soziale Volkspartei
Bereits im Februar 1918 gründete Dr. Wilhelm Beck die «Christlich-soziale Volkspartei». Dr. Beck und viele Mitglieder dieser Partei hatten durch Aufenthalte und Berufstätigkeit in der Schweiz die demokratischen und sozialen Einrichtungen dieses Staates kennen gelernt. So forderten die Mitglieder der Volkspartei den Ausbau der demokratischen Rechte und eine vermehrte Mitbestimmung in Regierung und Landtag, was sich auch im Schlagwort «Liechtenstein den Liechtensteinern» manifestierte.


Dieses Gedankengut wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Liechtenstein mit seiner eher konservativen und bäuerlichen Gesellschaft als sozialistisch und damit als «rot» angesehen, was aus geschichtlicher Perspektive verständlich ist. Die eher bürgerlichen und konservativen Kreise, die sich ausdrücklich zur Monarchie bekannten, scharten sich um das Liechtensteiner Volksblatt.
 
Landtagswahl 1918Das Volksblatt hatte sich früher vehement dafür ausgesprochen, dass es in Liechtenstein keine Parteien geben sollte, da diese nur die Einheit des Landes zerstörten. Doch vor den Wahlen veröffentlichte auch das Volksblatt eine eigene Liste von Landtagskandidaten.
So wurde der erste Wahlkampf in Liechtenstein für die Landtagswahl 1918 nicht zwischen zwei neuen Parteien ausgetragen, sondern er fand zwischen der Volkspartei und der Liste des Volksblattes statt. In den Oberrheinischen Nachrichten wurden die Gegner als «Herrenpartei » oder «Vaduzer Stammtischrunde» bezeichnet. Das Volksblatt dagegen warnte die Bevölkerung vor dem drohenden Sozialismus der Volkspartei.
Das Wahlergebnis dieser ersten geheimen und direkten Wahl fiel deutlich aus: Die Volkspartei erreichte im Oberland sechs von sieben Mandaten, im Unterland stellte sie zwei der fünf Abgeordneten. Drei Abgeordnete im Landtag wurden vom Landesfürsten ernannt.

 
Die Initiative zur Gründung der Bürgerpartei als politisches Gegengewicht ging von Professor Dr. Eugen Nipp aus. Er war Redaktor beim "Liechtensteiner Volksblatt" und gründete gemeinsam mit Gustav Ospelt, Meinrad Ospelt und Franz Verling die neue Partei. Fortschrittliche Bürgerpartei
Ende 1918 führten aussenpolitisch wie innenpolitisch unruhige Zeiten zur Gründung einer zweiten Partei: Am 22. Dezember 1918 konstituierte sich die «Fortschrittliche Bürgerpartei» (FBP), der sich auch Parteigänger der Volkspartei anschlossen. Bedingt durch die gesellschaftlichen Verhältnisse jener Jahre, hatten sich in der Bürgerpartei vor allem die bürgerlichen und konservativen Bevölkerungsgruppen gesammelt: die «Schwarzen», wie man sie als Alternative zu den «Roten» nannte.
 
Die Initiative zur Gründung der Bürgerpartei ging vom Redaktor des Liechtensteiner Volksblattes, Prof. Dr. Eugen Nipp, und einigen Vaduzer Bürgern aus. Die Grundidee dieser Partei formulierte Dr. Eugen Nipp in seiner Zeitung vom 27. Dezember 1918: «Zur Fortschrittlichen Bürgerpartei soll sich jeder unbescholtene Liechtensteiner, wes Standes und Berufes er sei, bekennen, der in Treue zu unserem Fürsten und Fürstenhaus für einen gesunden, den Forderungen der Neuzeit und zum Wohle des Landes entsprechenden Fortschritt eintreten will, für einen Fortschritt in den Bahnen der Ordnung und der Gesetzlichkeit. »
 
Die Oberrheinischen Nachrichten -  Anzeiger für Liechtenstein und Umgebung - druckte am 19.Januar 1919 das Parteiprogramm der Christlich-sozialen Volkspartei auf der Titelseite: "Die christlich-soziale Volkspartei steht auf dem Boden einer nationalen, volkstümlichen Politik, die sachlich und nicht persönlich, nicht kleinlich sein soll und auf geschichtlicher und religiöser Grundlage beruht..." Beide Parteien präsentieren ihr ParteiprogrammBeinahe zur selben Zeit veröffentlichten im Januar 1919 die Christlich-soziale Volkspartei und die Fortschrittliche Bürgerpartei das Parteiprogramm in ihren Zeitungen. Wenn auch die beiden Parteien in grundsätzlichen Punkten, wie im Bekenntnis zur Demokratie, zur katholischen Religion und im Willen zum Fortschritt übereinstimmten, so gab es doch in einzelnen Punkten und Formulierungen Unterschiede, die besonders später in der Diskussion um eine neue Verfassung hervortraten.
Bereits am 4. Januar 1919 veröffentliche das Liechtensteiner Volksblatt das Parteiprogramm der Fortschrittlichen Bürgerpartei. Als Kommentar dazu konnte man lesen: "Bis vor kurzem galt bei vielen unter uns der Grundsatz: Keine Bildung von Parteien, ein einig Land, eine einzige Partei. Diese Meinung ist auch heute noch stark vertreten, aber muss der Vergangenheit angehören und zwar aus mehreren Gründen..." Die Vorstellungen und Demokratisierungsforderungen beider Parteien waren aus der Sicht des Jahres 1919 als radikal und teilweise sogar als revolutionär zu bezeichnen. Beide Parteien haben bei der Erstellung einer neuen Verfassung intensiv mitgearbeitet. Einen Grossteil ihrer Ideen konnten sie in die Verfassung von 1921 einbringen. (Diese Verfassung wurde  in ihren Grundzügen und Abänderungen in der Volksabstimmung von 2003 von der Bevölkerung erneut bestätigt.)

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Unsere Landeserfassung von 1921 wurde nach einer Volksabstimmung 2003 in einigen Artikeln abgeändert.
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